frage an den förderverein maison des anges in der Schweiz

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Maison des Anges Haiti, Förderverein Kinderheim Maison des Anges, 5645 Aettenschwil, Schweiz

Reiseblog November 2018

Ein weiterer Tag hinter Stacheldraht

Maison des Anges

Dank ihren gedämpften Adiletten ist es absolut ruhig im Raum; einzig das Dröhnen der Klimaanlage stört die Stille. Im eben geöffneten Schrank nimmt die Krankenschwester eine dubiose Ampulle heraus. Auf dem Tisch liegen eine Schere, Pflaster und Watte. Ich liege auf der Krankenstation – oder besser «sitze» in der Krankenstation. Was eine Bagatelle in der Schweiz ist, sollte hier in Haiti wohlbehandelt werden, auch wenn es sich nur um einen kleinen Schnitt handelt. Ausserdem, wer kann schon behaupten, in Haiti auf einer Krankenstation gewesen zu sein…

Die Lage ist ruhig. Da die Schulen in Port-au-Prince grösstenteils noch immer geschlossen sind, haben wir genügend Zeit, uns mit den Kindern zu verweilen. «Remy, Remy!», ruft Santana. Wenn man dann nicht losrennt, um sie zu fangen, riskiert man einen gut koordinierten Überfall auf einen selbst. Und liegt man einmal am Boden, bleibt man am Boden – viele kleine Kinder haben dann doch viel mehr Gewicht, als man denkt. Jonathan erzählt mir, dass er Polizist werden möchte und dass er, wenn ich ihm einen Eimer Farbe kaufe, den Maison des Anges-Baum im Innenhof um ein paar Pflanzen und Tiere ergänzen würde. Seine Aufmerksamkeit und das Verständnis für die kleineren Kindern überwältigen mich. Es wirkt, als wäre er der verantwortungsvolle, ältere Bruder für viele im Kinderheim, und dabei ist er erst 13 Jahre alt. Menschlichkeit ist kein Privileg der Reichen, Menschlichkeit ist Nächstenliebe – und davon gibt es hier zu Hauf.

Während wir alle auf der Veranda sitzen und uns ausruhen, strömt eine schwarze Wolke von Rauch über das Kinderheim. Wenige Sekunden später erscheint Claude, unser Wachmann, mit seiner Waffe in der Hand. Noch ist unklar, um wie viele Demonstranten es sich handelt. Gerade möchte ich auf die Treppe im Innenhof steigen, um ein Foto zu machen, als mich Claude mit halb-lauten, aber bestimmten Worten sofort wieder herunter befahl. Wir dürfen uns nicht exponieren, das sei absolut unverantwortlich. Zwei Fotos sind in dieser von Adrenalin geprägten Situation allerdings doch entstanden:

Mittlerweile wird gemunkelt, dass Jovenel Moïse, der Präsident, nach Bolivien flüchten will. Ob das bedeutet, dass die Unruhen sich legen, weiss noch niemand. Bei uns ist es jetzt Mittwochmorgen. Momentan ist noch nicht entschieden, ob wir heute raus können.